Es ist wieder die Zeit der Rauhnächte. Zeit der Wünsche. Zeit der Ruhe. Zeit für eine kleine Winterpause.


Es ist wieder die Zeit der Rauhnächte. Zeit der Wünsche. Zeit der Ruhe. Zeit für eine kleine Winterpause.
Die Wünsche für die Rauhnächte und damit für das nächste Jahr sind geschrieben und in einem hübschen Säckchen versammelt. Das Eichhorn hüpft draußen herum und sammelt die Walnüsse vom Tisch auf, auch die auf dem Grill nimmt es diesmal mit. Nachdem alle Walnüsse verstaut sind, hüpft hektisch zwischen Tisch und Stuhl hin und her. Dann schaut es zum Fenster rein, so als wollte es sagen, dass da bestimmt noch mehr Nüsse zum Verstecken warten. Die Sonnenblumenkerne interessieren es heute nicht. Würde ich das Fenster aufmachen und ihm noch Nüsse hinlegen, wäre es schneller weg als ich gucken kann. Da muss es jetzt noch ein wenig warten.
Während ich meine Weihnachtsgrüße vorbereite und auf die Websites entlasse, schraubt MonAmour die bestellten Frühjahrs Gewächshäuser zusammen. An der Pflanzentreppe scheitert er, weil in der Packung statt drei Teile nur zwei Teile liegen. Eine Telefonnummer steht wohlweislich nicht auf dem Lieferzettel, dafür eine Mailadresse, an die ich mich wende. Vor Weihnachten wird da wenig passieren und nach Weihnachten nicht gleich.
Ich bin mir gar nicht so sicher, ob der Salat da draußen wirklich einen Frühbeetschutz braucht. Trotz des Schnees sieht er noch immer gut aus. Er scheint auch zu wachsen, wenn auch langsam. Zurzeit haben wir 10 Grad Celsius draußen, also fast schon optimale Salattemperaturen.
Während ich aus dem Fenster schaue und an einen Menschen denke, von dem ich hoffe, dass es ihm gut geht und er seinen Urlaub an seinem Wunschort verbringt, schwebt vom Himmel eine kleine weiße Feder herab. Sie landet auf einem Ast am Nussbaum und bleibt dort sitzen.
Wir waren ja die letzten Tage auch ein wenig unterwegs und sind immer wieder erstaunt darüber, wieviel Treiben auf den Straßen herrscht. Wieviele Menschen für die Weihnachtsfeiertage einkaufen, ihre Bestellungen abholen. Es scheint als ob die Welt nur vor meinem Fenster weihnachtlich stillsteht. Nähert man sich der Hauptstraße fängt das Treiben an, die Parkplätze vor den Supermärkten voll bis zum letzten Platz. Als wir gestern noch mehrere Packungen Kochschinken holten, waren wir nicht sicher, ob wir uns dem Treiben auf der Straße wirklich anschließen möchten. Auch wenn wir nur zu Fuß unterwegs waren.
Corona hat jetzt auch mein unmittelbares Umfeld erfasst mit unspezifischen Langzeitfolgen.
Der Schreibtisch ist noch nicht geleert und wird sich auch nicht mehr leeren. Was noch nicht erledigt ist, kann warten bis zum nächsten Jahr. In mir breitet sich langsam Ruhe und weihnachtliche Stimmung aus. Vielleicht, weil wir uns schon seit Tagen dem ganzen Weihnachtswahnsinn entziehen.
Letzte Vorbereitungen für morgen, Heiligabend. Die Lichterhäuser stehen bereit zum Anschließen, die Weihnachtsdecke ist gefunden. Dabei festgestellt, dass der Goldglanz beim letzten Waschen sehr gelitten hat. Noch kann man den Goldglanz erkennen, ob das auch nach weiterem Waschen gilt, fraglich.
Der Christbaum – wahlweise noch nicht geschlagen beziehungsweise noch im Sack. Je nachdem für was wir uns heuer noch ganz spontan entscheiden werden. Immerhin die Kisten vor dem Regal, die bisher den Zugang zu den Christbaumkugeln verwehrten, sind ins obere Stockwerk verräumt. Und irgendwie habe ich es geschafft eine Kiste leer zu räumen und Platz im Regal für Bücher und Hörbücher zu schaffen.
Das Weihnachtsessen für die nächsten Tage liegt im Kühlschrank beziehungsweise in der Tiefkühltruhe. Wir machen uns hier sehr wenig Streß. Es gab da auch schon Jahre, in denen wir direkt an Heiligabend noch schnell eine Gans mitnahmen. Wir werden jedenfalls nicht Hungerleiden müssen.
Und nein, nächstes Jahr wird es auch nicht anders.
Nur eines werde ich wieder tun, sofern uns das Weltgeschehen nicht dazwischen funkt: Plätzchen backen und mehr Glühwein kaufen.
Als ich das erste Mal an diesem Tag aufwache ist es 5:52 Uhr. Viel zu früh zum Aufstehen. Irgendwann schlafe ich wieder ein. Als ich das zweite Mal aufwache, ist es hell draußen und schon nach 9:00 Uhr. Eigentlich noch viel zu müde, außerdem ist es gerade so schön kuschelig warm. Es hilft ja nichts. Und so beginnt der Tag mit Kaffee! und Tagebuchbloggen.
Später bringt der Paketbote ein Paket für MonAmour, eines für mich.
Mit Schreibtischarbeit war heute nicht viel. Dafür, Sie erinnern sich die ewige To-Do-Liste, Schreibtisch aufräumen und ein wenig Regal aufräumen. Ein Teil der Bücher hat jetzt einen neuen Platz.
Dann nehme ich mir des Vogelhauses an. Lange genug stand es ja jetzt mit dem Sturmschaden herum. Jetzt steht es wieder aufgefüllt auf seinem Platz. Eines der Tiere ist ein Scherzkeks oder gibt uns einen Hinweis. Die Erdnüsse und Walnüsse, die auf dem Futterplatz lagen sind weg. Die Walnüsse am Tisch sind noch da, eine der Walnüsse liegt auf dem Grill. Ist das ein Hinweis? Ob wohl das Eichhorn gerne geröstete Nüsse haben möchte?
So verging der Tag. Im Computer liefen erst „Eure Mütter“ dann „Die Feisten“ schließlich „Sträter“. Zwischendrin gratuliere ich einem Familienmitglied zum Geburtstag. Später gehe MonAmour und ich Pakete abgeben. Dafür bekomme ich vom Lädlebesitzer Schokolade. MonAmour kommt nicht am Bäcker vorbei. Es ist wie bei Monopoly „Gehe über die Bäckerei und ziehe Lebkuchen und Plätzchen ein“. Ich überlege kurz, ob ich Brot mitnehmen, entscheide mich dagegen. Unterwegs überlegen wir, was wir heute wohl essen wollen. Hawaitoast? Schaschlikbratwürste? Tintenfischringe? Schinkennudeln? Irgendwie ist alles reizvoll. Daher nehmen wir mal für alles die fehlenden Zutaten mit, um für alle der genannten Gerichte gerüstet zu sein. Auf dem Heimweg entscheiden wir uns für Schinkennudeln.
Selbst die Sonne zeigt sich kurz durch die hellgrauen Wolken, so als ob sie sagen möchte, hier bin ich.
Den ganzen Tag schon bin ich ein wenig nervös. Der Termin mit der Dame vom Landratsamt steht an. Doch bevor wir uns auf den Weg machen herrscht Chaos am Schreibtisch.
In den letzten Wochen kamen Fragebögen aus Bonn und Stuttgart. Was waren bitte nochmal Leistungen nach SGB XII? Könnten die sowas nicht als Beispiel dazu schreiben? Die Fragebögen betreffen die Einkommensverhältnisse der Betreuten. Welches Einkommen bitte?! Sie möchten alles wissen, Beihilfe, Pflegegeld, Blindengeld, Waisengeld, etc. steht in der Spalte. Die vorherigen Fragebögen helfen mir nur bedingt weiter, da der Bogen jetzt geändert wurde und zum Teil andere Sachen abfragt.
Bereits am Dienstag rief ich dort wegen einer anderen Sache an. Bekam zufriedenstellend Auskunft. Die weiteren Fragen, die ich hatte, hatte ich nicht parat. Daher rief ich nochmal an. Diesmal verwies man mich an die zuständige Stelle, die sich dann bei mir melden wird. Gemeldet hat sich die Dame dann am Mittwochmorgen. „Ja, ich darf Ihnen ja gar keine Auskunft geben, aber nun fragen Sie halt mal“. Ich will ja nichts schlimmes, ich will nur wissen, was ich da reinschreiben soll. Danach war ich fast so schlau wie vorher, hatte nur noch mehr Wust auf dem Schreibtisch, weil Papiere aus verschiedenen Ordnern kopiert werden wollten. Danach verfasste ich ein nettes Anschreiben, legte alles, was es brauchte und ich hatte, in den Umschlag und machte erstmal Kaffee.
Während ich dann so da saß, überkam mich der Gedanke, dass es ja noch Weihnachtsgeschenke für die kleine Schwiegerschwester braucht. Da ich hier inzwischen einen großen Vorrat an Hörbüchern habe, ist das nun kein Problem. Süßigkeiten hatte ich auch noch und ein paar Pflegeprodukte auch. So holte ich Weihnachtspapier und packte ein paar Sachen weihnachtlich ein.
Die Weihnachtsgaben für das Pflegepersonal wollten wir unterwegs besorgen. Zum ersten Mal fuhren wir nicht an der Großmetzgerei vorbei, sondern gingen hinein. Dort standen allerlei Weihnachtstüten mit Inhalt herum. Davon suchten wir zwei aus. Zwei Secco aus dem Regal kamen auch noch mit und schon waren wir wieder draußen. Für ein wenig Kaffee und Süßkram sorgten wir dann auch noch, welches ebenfalls den Weg in die Tüten fand.
Die Dame und wir trafen dann an der Tür zur Seniorenresidenz aufeinander. MonAmour wartete draußen. Während wir auf die kleine Schwiegerschwester warteten, beschnupperten wir uns vorsichtig. Das Gespräch verlief interessant. Während die Landratsamtsfrau und ich versuchten zu klären, was ich als Betreuerin darf und was ich alles ausfüllen muss, erklärte uns die kleine Schwiegerschwester, dass sie kein Papier unterschreiben darf, damit sie verhungern kann. Übersetzung: Patientenverfügung. Auch wenn ich wenig Zeit habe, so die Schwiegerschwester, sei sie doch damit einverstanden, dass ich sie betreuen darf.
Wir sind uns nicht sicher, ob sie wirklich weiß, worum es geht, ihr Einverständnis habe ich jedenfalls. Während ich die Schwiegerschwester zum Kaffeetrinken brachte. Die Kaffeezeit ist ihr heilig. Wartete die Landratsamtsfrau draußen vor der Tür. MonAmour wird Ersatzbetreuer und musste ebenfalls ein Papier unterschreiben. Gemeinsam plauderten wir noch ein wenig. Als wir uns verabschiedeten hatte ich ein Jobangebot für ein Ehrenamt in der Tasche. „Wissen’s so Menschen wie Sie suchen wir, falls Sie also noch eine weitere Betreuung machen möchten…?“ In drei bis vier Wochen kommt der Beschluss, dann werden wir zur Belehrung eingeladen und bekommen vom Betreuungsverein diverse Fortbildungen angeboten. Dann darf ich ganz offiziell Auskünfte einholen, Dokumente unterschreiben und mit dem Heimpersonal über die Pflege und Gesundheit der Schwiegerschwester sprechen.
Später suchte ich die kleine Schwiegerschwester in ihrem Zimmer auf, übergab ihr die Weihnachtsgeschenke und alle anderen Gaben, die ich für sie eingepackt hatte. Wir unterhielten uns noch eine Weile bis es Zeit für die Nachrichten war. Ich verabschiedete mich und ging noch zu den Schwestern vor. Dort überreichte ich dann die Geschenktüten. Eine der Schwestern fragte mich, wer ich sei. Ich stellte mich kurz vor und sie „Ach, Sie sind die berühmte Alexandra. Endlich lernen wir uns kennen.“ Ich war ein bisschen perplex, ahne jedoch worauf sich dieser spontane Ausruf bezieht. Die kleine Schwiegerschwester ist nicht gerade zurückhaltend und sehr mitteilungsbedürftig. Bereits eine andere Schwester hatte mir schon mal erzählt, dass die kleine Schwiegerschwester meist nur wohlwollend von mir spricht. Ich wäre ja gerne mal Mäuschen.
Am Ende des Tages war ich ziemlich geschafft. Es war doch anstrengender alles als gedacht.
Bereits im Auto fassten wir den Beschluss noch spazieren zu gehen. Als Abendmahl gab es Eier mit Speck und Pfefferbaguette. Statt Winterfeuer und Hamburger.
Es ist 18:15 Uhr. Mein Video ist das letzte für den Tag, für dieses Jahr. Ich bin relativ entspannt. Hatte ich mir das gesamte Video doch insgesamt drei mal angeschaut. Es hat längen. Es gibt viele Themen. Ich bin überfordert. Höre fast nur zu. Hake nur ab und an ein. Später gebe ich Hausaufgaben, frage danach was genauso bleiben soll, frage nach den Ressourcen im Umfeld. Am Ende jeden Videos wird gefragt, was waren die Sterne, was ist noch gelungen, was darf sich noch entwickeln. Die Sterne werden beantwortet, dann die Frage nach der Entwicklung . Niemand sagt etwas. Es herrscht Schweigen im Raum. Die wenigen Sekunden, ich schätze es war eine halbe Minute, kommen mir wie eine Ewigkeit vor. Sie reichen aus, damit mein eigener Film abläuft.“Selbstzweifel pflastern ihren Weg“. Vielleicht war es der späten Stunde geschuldet. Vielleicht….
Irgendwann fasst sich jemand ein Herz, sagt etwas. Das Schweigen löst sich auf. Die Entwicklungsanregungen sind gut. Es passt. Das Schweigen, das Gefühl, bleibt, in meinem Körper, in meinem Kopf. Begleitet mich den Weg nach Hause und der Weg ist ziemlich lang. Begleitet mich durch den nächsten Tag. Zwischen „und jezt erst Recht“ und „Ich schmeiß alles hin“, ist alles dabei. Wie immer, wenn der Film anspringt. Gleichzeitig regt sich da noch was anderes, etwas zartes, etwas leises. Es ist ein Pflänzchen. Sehr klein, sehr zart noch nicht wirklich zu sehen. Ähnlich wie bei einem Advocadokern.
Haben Sie schon mal versucht aus einem Advocadokern eine Pflanze zu ziehen? Es dauert sehr sehr lange bis aus dem Kern eine kleine Wurzel kommt. Als aus meinem Kern eine Wurzel kam, waren bereits zwei drei Monate vergangen. Ich glaube ich habe im Juni oder Juli die Advocado gekauft. Inzwischen habe ich hier ein kleines Bäumchen von 30 Zentimetern mit vier Blättern stehen. Das fünfte Blatt entwickelt sich gerade.
So ähnlich fühlt sich dies zarte Stimme an. Noch nicht richtig verwurzelt, noch nicht richtig sicher, ob es nach außen treten möchte, oder lieber da bleibt wo es ist. Und trotzdem stark im Kern. In der sicheren Schutzhülle. Es macht mir gerade Mut. Mutig den Weg, den ich eingeschlagen habe weiter zu gehen. Es sagt aber auch, dass ich mir die Selbstzweifel genauer anschauen soll. Sie fragen soll, was sie mir sagen möchten, wovor sie mich vielleicht auch schützen wollen. Sie, wie damals die Angst, an die Hand nehmen und sie in mein Leben einladen.
MonAmour fasste am Samstag den Beschluss, einen Winterspaziergang zu machen. Die Sonne schien, der Himmel war blau, der Schnee glitzerte. Und es war frostig.
Mehr Verdachtsfälle auf Gewalt bei Kitas – Der BR hatte dazu einen Beitrag gemacht. Es bestätigt, 1. dass es immer wichtiger wird Kinderschutzkonzepte zu installieren, 2. dass mehr hingeschaut wird, 3. den Personalmangel und damit erhöhten Stresspegel bei den verbliebenen Fachkräften, 4. dass Inhoouse-Qualifizierungen und Prozessbegleitungen noch mehr in den Fokus rücken müssen, 5. die Träger endlich auch mal Geld für Inhouse-Begleitungen in die Hand nehmen sollten, 6. dass es für diesen Bereich endlich mehr Geld geben sollte, und 7. wir weiterhin den Fokus auf Qualität in den Ausbildungen und Professionalisirung legen müssen. Ich bin noch immer sehr zwiegespalten, was ich von den Qualifizierungsmodulen halten soll, die gerade für Quereinsteiger*innen angeboten werden.
Wir möchten unsere Kinder gut aufgehoben wissen und schaffen es nicht, diesem Bereich endlich die Anerkennung zu geben, die er verdient hat. Im Gegenteil, wir lassen ihn gerade sehenden Auges gegen die Wand knallen.